Die Frage, die inzwischen nicht nur Data-Hoarder, sondern auch IT-Abteilungen und Homelab-Enthusiasten umtreibt, laesst sich mit einem Satz zusammenfassen: Die Nachfrage nach Speichermedien explodiert, und die Lieferketten haben Muhe, Schritt zu halten. Wer sich in den vergangenen Monaten mit dem Ausbau seines NAS oder der Anschaffung grosser SSDs beschaeftigt hat, dem ist nicht entgangen, dass etwas im Markt fuer Festplatten und Solid-State-Drives in Bewegung geraten ist. Die Ursache ist so maechtig wie offensichtlich: die KI-Revolution.
Die KI treibt den Speicherhunger
Kuenstliche Intelligenz ist kein Nischenthema mehr. Seit dem Durchbruch grosser Sprachmodelle und der breiten industriellen Nutzung von Machine Learning hat sich die Datenmenge, die weltweit produziert, verarbeitet und gespeichert werden muss, dramatisch erhoeht. Laut Schaetzungen der Branche wuchs das weltweite Datenvolumen im Jahr 2025 auf ueber 170 Zettabyte an, Tendenz steil nach oben. Allein das Training moderner KI-Modelle erfordert Petabyte an Speicherplatz, und das nicht nur fuer die Rohdaten, sondern auch fuer Zwischenergebnisse, Checkpoints und die dauerhafte Archivierung fertiger Modelle.
Doch der Speicherhunger endet nicht beim Training. Jeder KI-Dienst, der heute im Einsatz ist, produziert laufend neue Daten: Logs, Nutzerinteraktionen, generierte Inhalte, Feedback-Schleifen. Hinzu kommt, dass Unternehmen zunehmend eigene KI-Modelle betreiben – sei es in der Cloud, sei es On-Premise. Das alles muss irgendwo gespeichert werden, und zwar zuverlaessig, skalierbar und moeglichst kostenguenstig.
HDDs: Die Arbeitstiere der Datenwelt unter Druck
Festplatten, also Hard Disk Drives (HDDs), sind seit Jahrzehnten das Rueckgrat der Massenspeicherung. Sie bieten den guenstigsten Preis pro Gigabyte und sind daher in Rechenzentren, NAS-Systemen und Backup-Infrastrukturen nicht wegzudenken. Doch genau diese Nachfrage aus dem Data-Center-Bereich hat in den vergangenen 18 Monaten fuer erhebliche Spannungen gesorgt.

Die drei grossen Hersteller – Seagate, Western Digital und Toshiba – haben ihre Produktionskapazitaeten in den vergangenen Jahren bewusst zurueckgefahren, da die Nachfrage aus dem Consumer-Bereich sank und SSDs immer mehr Marktanteile gewannen. Die verbleibenden Fabriken und Fertigungslinien waren auf ein bestimmtes Volumen ausgelegt. Als die KI-Nachfrage dann ploetzlich einsetzte, traf sie auf eine bereits angespannte Lieferkette.
Besonders betroffen sind High-Capacity-Modelle ab 16 Terabyte. Diese Laufwerke sind das bevorzugte Medium in Server-Farms und Cloud-Rechenzentren. Die grossen Cloud-Provider – darunter Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud – kaufen HDDs in riesigen Stueckzahlen und haben dabei Prioritaet bei den Herstellern. Das fuehrt dazu, dass fuer den Consumer- und SMB-Markt weniger Laufwerke uebrig bleiben, und die, die verfuegbar sind, teurer werden.
Preisentwicklung bei HDDs
Die Preise fuer HDDs sind seit Anfang 2025 merklich gestiegen. Ein 20-Terabyte-Enterprise-Laufwerk, das Anfang 2024 noch fuer rund 320 bis 350 Euro erhaeltlich war, kostete Mitte 2025 teilweise 400 Euro und mehr. Die Steigerungen betreffen vor allem die oberen Kapazitaetsklassen, waehrend kleinere Laufwerke bis etwa 8 Terabyte von den Engpaessen weniger betroffen sind.
Interessant ist, dass die Preise nicht gleichmaessig gestiegen sind, sondern in Wellen verliefen. Nach einer ersten Anstiegsphase im Fruehjahr 2025 gab es eine kurze Beruhigung im Sommer, bevor die Nachfrage aus dem asiatischen Raum – insbesondere durch chinesische KI-Unternehmen – erneut fuer Knappheit sorgte. Das zeigt, dass der globale Markt fuer Speichermedien inzwischen eng mit der KI-Entwicklung verkoppelt ist.
SSDs: Schnell, begehrt und teurer geworden
Solid-State-Drives haben den Consumer-Markt fuer Systemlaufwerke und schnellen Speicher laengst erobert. Auch im professionellen Bereich werden SSDs zunehmend fuer Workloads eingesetzt, die hohe IOPS (Input/Output Operations Per Second) erfordern. Doch gerade die SSDs erleben derzeit eine besonders intensive Nachfragespitze.

Der Grund liegt in der Architektur moderner KI-Systeme. Waehrend HDDs fuer die langfristige Archivierung und den Speicher grosser Datenmengen genutzt werden, brauchen KI-Training und Inferenz schnellen Zugriff auf Daten. SSDs, insbesondere NVMe-Laufwerke mit PCIe 4.0 und 5.0, sind hier unverzichtbar. Das Training grosser Modelle erfordert das ständige Einlesen und Schreiben riesiger Datensaetze, und jede Millisekunde Latenz verlaengert die teure Trainingszeit.
NAND-Flash als Flaschenhals
Die Produktion von NAND-Flash, dem Speichermedium in SSDs, ist komplex und kapitalintensiv. Die wichtigsten Hersteller – Samsung, SK Hynix, Kioxia, Micron und Solidigm (Intel) – haben ihre Fabriken in den vergangenen Jahren auf die neuesten Technologien umgestellt, darunter TLC (Triple-Level Cell) und QLC (Quad-Level Cell) sowie die hoehere Schichtanzahl bei 3D-NAND. Doch die Umstellung auf neue Fertigungsprozesse ging nicht ohne Rueckschlaege vonstatten.
Im Jahr 2025 berichteten mehrere Hersteller von niedrigeren Ausbeuten bei der neuen 200-Layer- und 300-Layer-NAND-Produktion. Das bedeutet, dass weniger funktionsfaehige Chips pro Wafer hergestellt werden konnten als geplant. Gleichzeitig stieg die Nachfrage aus dem Data-Center-Bereich so stark an, dass die Hersteller ihre Kapazitaeten fuer Consumer-SSDs reduzierten.
Preise und Verfuegbarkeit
Die Folge ist ein gemischtes Bild bei den SSD-Preisen. Waehrend Consumer-SSDs durch gestiegene NAND-Ausbeuten und neue Fabriken in den vergangenen Jahren tendenziell guenstiger wurden, haben Enterprise- und High-End-Modelle mit PCIe 5.0 sowie hohen TBW-Werten (Terabytes Written) durch die KI-Nachfrage deutlich an Preis gewonnen. Ein 2-Terabyte-NVMe-SSD der Mittelklasse war Anfang 2024 fuer etwa 90 bis 100 Euro erhaeltlich; aehnliche Modelle kosten im Fruehjahr 2026 weiterhin zwischen 90 und 120 Euro, waehrend spezialisierte Enterprise-SSDs deutlich teurer geworden sind.
Besonders kritisch ist die Lage bei Enterprise-SSDs. Diese Laufwerke sind fuer den dauerhaften Betrieb in Servern ausgelegt und bieten hoehere Zuverlaessigkeit sowie Power-Loss-Protection. Cloud-Provider und KI-Rechenzentren kaufen diese Laufwerke in Grossmengen, was den Markt fuer professionelle Anwender und anspruchsvolle Homelab-Betreiber stark verknappft hat.
Auswirkungen auf den Homelab-Bereich
Fuer Enthusiasten, die zu Hause ein NAS, einen Server oder ein kleines Rechenzentrum betreiben, hat die Hardware-Krise spuerbare Konsequenzen. Wer vor einigen Jahren noch guenstig an grosse HDDs kam, muss heute tiefer in die Tasche greifen oder Kompromisse eingehen.
NAS-Ausbau wird teurer
Network Attached Storage-Systeme sind bei Homelab-Betreibern beliebt, weil sie zentralen Speicher fuer Backups, Medienstreaming und Dateifreigaben bieten. Ein typisches NAS mit vier oder sechs Schaechten, gefuellt mit 16- oder 20-Terabyte-HDDs, stellt eine erhebliche Investition dar. Die gestiegenen Preise fuer High-Capacity-Laufwerke haben diese Investition in den vergangenen Monaten um mehrere hundert Euro verteuert.
Wer noch aeltere, kleinere Laufwerke im Einsatz hat, steht vor der Entscheidung: Jetzt aufruesten zu hoeheren Preisen, oder warten, in der Hoffnung, dass die Preise wieder sinken? Experten sind sich uneinig. Einige gehen davon aus, dass die Hersteller ihre Kapazitaeten ausbauen werden und die Preise Mitte 2026 wieder etwas sinken. Andere warnen davor, dass die KI-Nachfrage strukturell ist und die Preise auf einem hoeheren Niveau verharren werden.
SSD-Caching als Kompromiss
Eine Strategie, die viele Homelab-Betreiber verfolgen, ist der Einsatz von SSDs als Cache fuer ein HDD-basiertes NAS. Dabei werden haefig genutzte Daten auf einer oder mehreren SSDs zwischengespeichert, waehrend die langfristige Speicherung auf HDDs erfolgt. Dieser Ansatz kombiniert die Geschwindigkeit von SSDs mit der Kostenguenstigkeit von HDDs.
Allerdings ist auch dieser Kompromiss teurer geworden, da sowohl HDDs als auch SSDs betroffen sind. Zudem erfordert ein effektives Caching sorgfaeltige Planung: Zu kleine SSDs bringen wenig Vorteil, zu grosse SSDs verteuern das System unnoetig. Viele moderne NAS-Systeme wie Synology DSM oder TrueNAS bieten integrierte Caching-Funktionen, die die Konfiguration erleichtern.
Gebrauchtmarkt und Shucking
Angesichts der neuen Preise haben einige Enthusiasten den Gebrauchtmarkt und das sogenannte Shucking fuer sich entdeckt. Shucking bezeichnet das Ausbaue externer Festplatten aus ihren Gehaeusen, um die enthaltenen internen Laufwerke preisguenstiger zu erhalten. Externe USB-Festplatten werden oft guenstiger verkauft als ihre internen Pendants, da sie fuer den Massenmarkt bestimmt sind.
Doch auch dieser Markt ist nicht immun gegen die allgemeine Preisentwicklung. Zudem bergen gebrauchte Laufwerke Risiken: Die verbleibende Lebensdauer ist schwer einzuschaetzen, und Garantieansprueche sind oft begrenzt oder nicht vorhanden. Wer auf Nummer sicher gehen moechte, greift dennoch zu neuen Laufwerken mit Herstellergarantie.
Was die Zukunft bringt
Die Speicherbranche befindet sich in einem Umbruch, der durch die KI-Nachfrage beschleunigt wurde. Mehrere Entwicklungen sind absehbar und werden die Lage in den kommenden Jahren praegen.
Ausbau der Produktionskapazitaeten
Die HDD-Hersteller haben angekuendigt, ihre Kapazitaeten fuer High-Capacity-Laufwerke auszubauen. Seagate arbeitet an der Einfuehrung von 30-Terabyte-HDDs mittels HAMR-Technologie (Heat-Assisted Magnetic Recording), die eine hoehere Datendichte ermoeglicht, und plant langfristig Kapazitaeten bis 50 Terabyte. Western Digital setzt auf ePMR (energy-assisted Perpendicular Magnetic Recording) und plant aehnliche Kapazitaetsspruenge.
Diese Technologien werden helfen, die Nachfrage zu befriedigen, doch der Ausbau neuer Fertigungslinien dauert Jahre. Bis die neuen Kapazitaeten den Markt erreichen, bleibt die Lage angespannt.
SSDs mit neuer NAND-Technologie
Auf der SSD-Seite arbeiten die Hersteller an der naechsten Generation von 3D-NAND mit noch hoeheren Schichtzahlen. Ziel ist es, die Kosten pro Gigabyte weiter zu senken und die Ausbeuten zu verbessern. Zudem gewinnt QLC-NAND an Bedeutung, da es guenstiger ist als TLC, auch wenn es bei der Haltbarkeit und Geschwindigkeit Kompromisse eingeht.
Fuer den Consumer-Markt sind QLC-SSDs bereits Standard bei guenstigen Modellen. Wer allerdings ein NAS-Cache oder einen Server mit hoher Schreiblast betreibt, sollte weiterhin auf TLC-SSDs mit hoeheren TBW-Werten setzen.
Alternativen und neue Technologien
Neben den etablierten Technologien gibt es Entwicklungen, die langfristig den Markt veraendern koennten. CXL (Compute Express Link) ermoeglicht es, Speicher ueber ein Cache-Coherency-Protokoll auf PCIe-Basis flexibel zwischen Rechnern zu teilen, was die Effizienz in Rechenzentren erhoeht. Optische Speichertechnologien wie die von Microsoft entwickelte Project Silica, die Daten in Quarzglas speichert, werden fuer Langzeitarchivierung erprobt.
Fuer den Homelab-Bereich bleiben diese Technologien jedoch vorerst akademisch. Die naechsten Jahre werden weiterhin von HDDs und SSDs dominiert sein.
Praktische Empfehlungen fuer Homelab-Betreiber
Angesichts der aktuellen Lage stellt sich die Frage, wie man als Privatanwender oder kleiner Betrieb am besten mit der Situation umgeht. Hier sind einige bewaehrte Strategien:
Bedarf realistisch einschaetzen: Viele ueberschaetzen ihren tatsaechlichen Speicherbedarf. Eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Daten und eine Analyse des Wachstums in den vergangenen Jahren helfen, den zukuenftigen Bedarf besser abzuschaetzen. Nicht jedes Projekt erfordert sofort den Einsatz von 20-Terabyte-Laufwerken.
Stufenweise aufruesten: Wer ein NAS mit mehreren Schaechten betreibt, muss nicht alle Laufwerke auf einmal erneuern. Das schrittweise Austauschen aelterer oder kleinerer Laufwerke gegen groessere Modelle verteilt die Kosten und erlaubt es, auf Preisschwankungen zu reagieren.
Auf Kompatibilitaet achten: Nicht jede HDD ist fuer den Dauerbetrieb in einem NAS geeignet. Laufwerke, die fuer den 24/7-Betrieb ausgelegt sind – wie die WD Red Pro, Seagate IronWolf Pro oder Toshiba N300 – bieten hoehere Zuverlaessigkeit und laengere Garantiezeiten. Der Mehrpreis gegenueber Consumer-Laufwerken lohnt sich langfristig.
Backup-Strategie ueberdenken: Die 3-2-1-Regel (drei Kopien, zwei Medien, eine Kopie extern) gilt unabhaengig von der Hardware-Krise. Wer angesichts steigender Preise versucht, auf Backups zu sparen, riskiert den Verlust wertvoller Daten. Cloud-Backups koennen eine Ergaenzung sein, sollten aber nicht die einzige Sicherung darstellen.
Energiekosten mitbedenken: Neben den Anschaffungskosten spielen die Betriebskosten eine Rolle. HDDs verbrauchen mehr Strom als SSDs, und bei steigenden Energiepreisen kann sich ein hoeherer Anteil an SSDs langfristig rechnen – besonders wenn das System rund um die Uhr laeuft.
Fazit
Die Hardware-Krise bei HDDs und SSDs ist kein voruebergehendes Phaenomen, sondern das Resultat einer strukturellen Verschiebung in der Nachfrage. Die KI-Revolution hat den globalen Bedarf an Speicherkapazitaeten massiv erhoeht, und die Lieferketten brauchen Zeit, um sich anzupassen. Fuer Homelab-Betreiber bedeutet das: Speicher ist zurzeit teurer und schwerer verfuegbar als noch vor zwei Jahren.
Dennoch gibt es keinen Grund zur Panik. Wer seinen Bedarf sorgfaeltig plant, auf Qualitaet statt Schnaeppchen setzt und gegebenenfalls den Ausbau in Etappen vornimmt, kann auch in der aktuellen Lage ein zuverlaessiges und leistungsfaehiges System aufbauen. Die Technologie entwickelt sich weiter, und mittelfristig werden neue Kapazitaeten und effizientere Technologien die Preise wieder stabilisieren – wenn auch vielleicht auf einem hoeheren Niveau als frueher.
Wer heute in ein NAS oder einen Speicherserver investiert, sollte die Augen offenhalten fuer Angebote, aber nicht auf jeden Hype reagieren. Die Grundregeln der Datenspeicherung – Redundanz, Backup, Zuverlaessigkeit – gelten unabhaengig von Preisschwankungen. Und am Ende zaehlt nicht der Preis pro Terabyte, sondern die Sicherheit, dass die eigenen Daten dort sind, wenn man sie braucht.
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Quellen
- Seagate Technology: “HAMR Technology Roadmap and Data Density Progress”, Offizielle Herstellerdokumentation, 2025.
- Western Digital: “ePMR and UltraSMR Technology for Next-Generation HDDs”, Technische Praesentation, 2025.
- TrendForce: “NAND Flash Market Analysis Q1 2026”, Marktbericht zur NAND-Flash-Industrie, 2026.
- IDC Worldwide Global DataSphere Forecast 2025-2029: Schaetzungen zum globalen Datenvolumen und Speicherbedarf.
- Reddit r/DataHoarder Community-Diskussion: “How are things going regarding the hardware crisis, especially regarding HDD and SSD?”, Mai 2026.
- ComputerBase.de: Berichterstattung zur SSD-Preisentwicklung und NAND-Flash-Produktion, 2025-2026.
- Heise.de / c’t: Analysen zur Speichermarkt-Lage und KI-Datenwachstum, 2025-2026.
